Montag, 1. Dezember 2014

Antithese zu "Breakfast at Tiffanys" von Sven Kemmler

(Verfasst für den Ersten AlternativenAdventEvent der Serie "Kunst & Kulinarik vor Kemmler's Kamin" - zum Thema "Breakfast at Tiffany's")

Antithese zur "Romatik von Frühstück bei Tiffanys" zwengs wegen der Dialektik und weil man ja sonst eh nur Schönes darüber sagt, oder sagen kann, und einer muss ja auch mal was dran meckern, damit es schön bleibt, darum!

Ja, Frühstück bei Tiffany's, toll, und so träumerisch. Audrey Hepburn, hmmm, so süß, nein nicht süß, ätherisch, schwebend, romantisch.

Die Geschichte eines hauptsächlich unerfolgreichen Schriftstellers, dessen Miete eine verheiratete Innenarchitektin zahlt, der er sexuell zu Diensten ist, der sich mit einem It-Girl anfreundet, die ihr Einkommen mit Bettversprechen und gelegentlichem Vollzug bestreitet, außerdem Kuriertätigkeiten für die Mafia durchführt, sowie in Alabama oder Texas drei Kinder hat. Süß?

Wir reden hier also von zwei P1 Freizeitstrichern, die einen feuchter Teenie-Traum für Erwachsene leben. Bindungsängste, Verantwortungslosigkeit und Naivität als Vorbild für Träumende in manieristischer Erzählselbstbefriedigung. Lothar Matthäus goes Thomas Mann.

Zu den Protagonisten:
Der arme Schriftsteller, hach, aber statt dem Spitzweg Regenschirm unterm Dach, ist er die Variante armer Poet der sein Appartment in bester Lage unter der Gürtellinie löhnt, von der Mystik eines Land-eies verzaubert, dass alles anmacht, was bei drei nicht den Geldbeutel zu hat. Er sagt nichts, er macht nichts, er kuckt hauptsächlich blöd und tut - indem er darüber schreibt - so, als wäre sein Autismus kulturell erheblich und als könnte er könnte aus dem Starlet-Luder eine Diva zaubern. Und da er außer dumm schauen und darüber berichten aber auch gar nix zu bieten hat, kommen wir schleunigst zu ihr:

Holly Golightly ansatzweise manisch-depressiv und hysterisch sowieso, ist eine Frau, die mit zuviel Intelligenz in der Diaspora der Schlauheit eingeboren wurde, dem amerikanischen Süden, wo sie dann nach angedeutetem prämaritalen Schlüpfrigkeiten als halbes Kind mit 14 zwangsverheiratet wurde, bis zum Alter von 18 drei Kinder mit einem dumpflieben Landarzt hat, der in seiner bräsigen Idiotie wahrscheinlich vom ZDF konzipiert wurde, und die jetzt alles unter den Top 50 der Reichen Amis vögelt, um nicht mehr zu sein, wer sie ist.

Und dann wird auch noch das einzig Ehrliche an ihrer Geschichte - nämlich dass sie nach einem Schwangerschaftsabruch, der von einem Presseskandal ausgelöst wurde, als Mätresse von irgendeinem Gaucho-Fettsack in Buenos Aires endet - das also, wird im Film gnadenlos  zugehollywoodet, weil sie auf Leinwand eine Spät-Epiphanie hat und zwei Minuten vor Ende plötzlich endeckt
"Oh, ich hab ja einen der Waffel! Und der minderbegabte Kolumnenschreiber, den ich wie den Ochs am Nasenring durchs Karree gezogen hab, dieser Vollhorst also, das ist ja so ein lieber Kerl, fällt mir gerade auf, mit dem such ich jetzt im Regen meine Katze und dann leben wir glücklich bis ans Ende aller Tage.

Was ist das denn? Sozialporno? Kann man so schnell von sozialer Inkopetenz in 30 Sekunden auf Gefühlsdauerständer switchen? Ja, sowieso. Und rosarote Elefanten schwingen sich zwitschernd von Baum zu Baum.

Und der Hort des Guten, Symbol der disneyhaften Eskapismen dieses Sommermärchens für Käufliche,  ist ausgerechnet Tiffanys.
Tiffany's - ein, wenn nicht DER Kapitalismus-Tempel überhaupt. Ein Ort an dem täglich rotzhässliche Colliers mit Blutdiamanten an die komplett nutzlosen  Gattinnen von Wirtschaftsverbrechern vertickt werden, damit die Damen wenigstens irgendeinen Lebenszweck fühlen, und der damaligen Variante des weiblichen Schwanzvergleichs fröhnen können, während sie auf Charity Dinners in den Hamptons Geld für genau die Holly Golightlys sammeln, die glauben, wenn sie bei Tiffanys landen, wäre das die Absolution für verschissene Kindheit, geklaute Jugend und verkauftes Dasein.

Das ganze geschrieben vom erwiesenermaßen unsympathischsten Schriftsteller seiner Generation, Der erwiesenermaßen jedem auf den Senkel gegangen ist, den er getroffen hat. Das war der Urhipster, völlig nutzlos, der Axolotl Roadkill seiner Tage. Eben mit genau den richtigen Codes fröhlich Zecke am Schickeria- und Intelellensäckel.
Ein Kerl, der sich in New York mit Anfang zwanzig selbst in die High Society pimperte, dann mit einem Literaturprofessor rummachte bis er - Oh Wunder! - veröffentlichen durfte, paar Kurzgeschrichten schrieb, dann 6 Jahre an seinem großen Roman "Kaltblütig" schrieb, wo er sich als eine Art Bildreporter in das Leben aller Beteiligten eines Doppelmordes wanzte, danach dann drogenabhängig versackte, um schließlich völlig kreativverbrannt einen Schlüsselroman über Insiderwissen der reichen und Hässlichen zu veröffentlichten, bevor er dann allein und von regelmäßigen Halluzinationen begleitet im Sanatorium abdankte.

Sind wir also mal ehrlich. So eine Geschichte, so Mordsbohei um nix, das ist wie die Buchvariante eines zu einseitigen Frühstücks. Und bei diesem Frühstück gibt nur so Ökoscheiße, mit Kulturanspruch und Begleitgewimmer, weinerliches Eiergepansche und Obstschaum und Blabla.
Aber kein Fleisch, keine Grundlage, nix, worauf man einen Tag gründen kann, worauf man mal was ordentliches mit Umdrehungen trinken kann, ohne gleich umzufallen.  Fleisch halt, sowas.
Und wenn man schon einen ganzen Mittag verschwendet für das geblümte  Einhorn unter den Frühstücksmottos, dann bitte doch auch mal zwischendrin was mit Gehalt!
Und danach, nach dem Fleischgang, da kann man dann auch wieder mit Audrey träumen. Und sich auf eine Geschichte einlassen, die erzählt, wie man aus Verlorenheit mit Hingabe und durch Phantasie eine chaotische, aber liebevolle Würde entstehen lassen kann. Aber das erkennt man nur mit was Anständigem im Magen.


Mehr zu und von Sven Kemmler - hier: http://www.sven-kemmler.de/

Kommentar veröffentlichen