Montag, 25. Mai 2020

Heute in einem Jahr - Folge 35: 25.05.2021

Turbulente Zeit. Viel zu tun, viel zu planen, lange Tage, kurze Nächte. Fallen durch die Zeit. Ein taumeln durch den Tag. Gibt ja solche Phasen. Über Träume konnte ich da kaum nachdenken. Beim Fallen ins Bett blitzen noch Gedanken zu Post-Its auf und als der Kopf das Kissen traf waren sie nur noch diffuser Nebel.

Am Wochenende stand ein dringend notwendiger Familienbesuch auf dem Programm – und der entschleunigte die Turbulenz wieder. Ist ja eh irre, wie sich in einer vermeintlich entschleunigten Zeit dann doch plötzlich wieder ein solcher Termin-To-Do-Berg zusammenwahnsinnt. So war das Zubettgehen gestern Abend ein entspanntes und ehrlich müdes und das vor einem so gut wie terminfreien Tag. Geschmeidig glitt der Verstand hinüber und ich schwamm los. Ich mag es sehr, wenn sich mein Verstand in den Schlaf schwimmt. Gleichmäßige Kraulzüge sind unendlich meditativ. Nach einer Weile verwandelte sich das Schwimmbecken in eine Meer, der blaue Himmel in einen Sonnenuntergang, aus Kraul wurde Schmetterling und aus mir logischerweise ein Delphin.

Als mir das klar wurde machte ich direkt ein paar kuriose Sprünge aus echt schnellem Geschwimme heraus. Nach ein paar Salti wechselte ich vom Springen zum Tauchen und freute mich über die sich im Wasser brechenden Sonnenstrahlen des roten Abends. Ein wunderbares Gefühl unendlicher Freiheit. Ich grüßte ein paar bunte Fische, gab einem entspannt vorbei ziehenden Wal-Hai ein Flossen-High-Five und sah dann einen riesigen Oktopus vor mir. Er winkte und gibt mir ein Zeichen zu ihm zu kommen.

„Grüß dich!“ sagte der Oktopus.
„Hi!“ sage ich.
„Wo?“ fragt der Oktopus.
„Echt? Echt jetzt?“ frage ich.
„Tschuldigung!“ sagt der Oktopus „aber das ist so was wie ein Reflex ... ich kann nicht anders!“ Er macht eine seltsame Bewegung mit seinen Tentakeln, die wohl so was wie ein schulterloses Schulterzucken sein soll.
„Kenne ich ... so was muss dann raus ... vollkommen verständlich“ sage ich.
„Ich hab da was für dich“ sagt der Oktopus und streckt mir ein Tentakel entgegen, an der ein lila Post-It hängt.


"Hallo! Wir haben uns entschieden uns mal kurz in deinen Astral-Feed zu hacken, da wir es für notwendig halten, dir Mal eine andere Sicht in die Zukunft zu zeigen. Dein Parallel-Ich zeigte dir bisher hauptsächlich positive Zukunftsvarianten ... wir müssen dir aber leider sagen, dass die Wahrscheinlichkeit für diese Szenarien sich auf einem fast schon exponentiellen Sinkflug befindet ... wir zeigen dir jetzt eine Variante aus dem oberen Perzentil der futuralen Probabilitätsprojektion.
Grüße!
Die Oktopoden“

„Wow! Heyhey ... haben wir Zeit für ein paar Fragen? ... ich hätte da welche!“ sage ich.


"Eigentlich nicht ... aber schieß mal los!“


„Wer ist denn das Parallel-Ich? Der Selbe, wie mein Future-Ich?“ frage ich.


"Das soll er dir erklären! ... Hups – unser Hack wurde bemerkt, wir fliegen aus der Le/ .....“

 „Hallo? HALLO?!“ frage ich und sehe in dem Moment ein vorbei schwimmendes lila Post-It mit einem aufgemalten Fenster, durch das ich hindurch schaue.

Ich finde mich an der Ausgabestelle der Tafel am Münchner Großmarkt. Die Schlange ist wahnsinnig lang. Hoffnungslose Gesichter und traurig blickende Kinder. Hätte mein körperlos schwebendes Ich einen Magen, er würde krampfen.

Die Luft ist schlecht und entlang der wartenden Menschen stauen sich Autos an LKWs.

Mir fällt ein Plakat auf, das ich im ersten Moment für ein Wahlplakat halte, weil der Kopf von Friedrich Merz ernst darauf drein schaut, was konsequent ist. Seine versuche zu lächeln schauen immer extrem gruselig aus. Es ist aber kein Wahlplakat. Ja, was ist das eigentlich? Ich schaue genauer hin.

Auf dem Plakat steht: „Die Verlängerung der Arbeitszeit bis 75 war der richtige Weg – genau wie die vollkommene Privatisierung der Rente und des Gesundheitssystems. Die Bürger werden mit unserem Programm Blackrock21 dabei perfekt unterstützt.“ Unterschrieben ist das ganze mit „Friedrich Merz, Bundeskanzler, Widerstand 2020“.

Ein weiteres Plakat wirbt für das Bauvorhaben eines neuen Atomkraftwerks in Garching. Im Plakat daneben winkt ein Zigarre rauchender Manager-Typ aus einer mächtigen Mercedes S-Klasse. Darunter der Slogan „Den Rauch genießen – der neue Diesel“.

Jetzt gelingt das Kunststück: Der Magen meines körperlosen Ichs krampft und mir wird speiübel.

Ich will mir das nächste Plakat in der Reihe, von KraussMaffei, genauer ansehen, da sehe ich den Post-It, der daran klebt:

"... dies ist eine unsichere Verbindung ... bitte kontaktieren sie ihren Administrator ...“

Dienstag, 19. Mai 2020

Heute in einem Jahr - Folge 34: 19.05.2021

Ich muss sagen – dieser letzte Blick in die Zukunft, den mochte ich ... bei dem Gedanken an Philipp Amthor als bescheuert verknallter Mastermind hinter allen Verschwörungen, da muss ich immer noch grinsen ... sicherheitshalber sollte ich die Geschichte einfach selbst schreiben ... bei all den Paradoxa und Inkongruenzen. Das nehme ich mir einfach mal für morgen vor.

Schlecht geschlafen habe ich trotzdem. Manchmal braucht es dafür ja auch keinen konkreten Grund. Es war wieder so, als hätte ich das Einschlafen verlernt. Ich hasse das ... man liegt wohl gebettet ... und schläft einfach nicht ein. Irgendwann rutschte ich dann, wie immer in solchen Situationen, in unruhige Kurzschlaf-Episoden mit wirren, halbwachen Träumen. Dieses Mal ging es um Verfall. In einer Sequenz hielt ich ein flammendes Plädoyer für Nachhaltigkeit und darüber, wie bescheuert es ist, sich jedes neue Apple-Notebook kaufen zu müssen, und dass meines dieses Jahr seinen 8. Geburtstag feiern wird ... kaum gesagt fing das Notebook an zu verfallen und verwandelte sich in eine Art Computerzombie.

In der nächsten Traumepisode lösen sich meine Backenzähne auf ... das ist sehr ätzend. Ich gehe zum Zahnarzt. Der Zahnarzt beginnt zu bohren. „Da ist irgendwas!“ sagt er. „Da ist ... da ... da ist ja eine Tür unter ihrem Backzahn ... warten sie ... ich klingele mal!“ Er klingelt. Es klingelt.

Es klingelt in meinem Kopf. Ich gehe zur Tür und öffne. Vor der Tür steht mein Zahnarzt. Ich bitte ihn herein und serviere im Tee und Gebäck. Ich habe den Eindruck, der Zahnarzt schaut mit einer Mischung aus Vorwurf und Skepsis auf die Kekse. Das versuche ich lächelnd zu ignorieren und widerstehe dem Drang mit der Zunge an meinen Backenzähnen rumzuzüngeln ... auch aus einer recht manifesten Angst davor, dass es in meinem Wohnzimmer feucht werden könnte. Ich möchte Tee einschenken. Auf der Teetasse klebt ein Post-It:

"Wir machen heute noch Mal was Positives, oder? Nach der Nacht?!
Dein Future-Ich“


Dieses Mal öffnet sich ein Fenster direkt in der Teekanne und ich sehe strahlenden Sonnenschein – logisch – ist ja auch die Sonnengruß-Yogi-Teemischung.

Ich fliege körperlos durch die Baaderstraße und erfreue mich wieder an der Vielzahl kleiner kreativer Geschäfte. Ich fliege durch die saubere Luft vorbei an einem kleinen Café, das „Dolphin & Octopus“ heißt. Daneben ist eine kleine Agentur, sie heißt „dotorgpunktcom.de – Agentur für Alles und gegen Eintönigkeit“- da schaue ich mal kurz rein, weil mir der Name so gut gefällt.

Ich höre den Gesprächen der Leute im Raum zu und versuche mir einen Reim darauf zu machen, was die wohl anbieten könnten. Gar nicht so kompliziert. Sie haben sich auf Burn- und Bore-Out-Prophylaxe spezialisiert und bieten Firmen Konzepte an, die dabei helfen, Mitarbeiter nicht zu verheizen oder sie in Phasen, in denen weniger zu tun ist zu verlieren. Das bunte Team aus Psychologen, Diplom-Sportlehrern, Philosophen, Köchen, Finnoukristen und noch ein paar weiteren Spezialisten und Allroundern bietet dabei Einzel- und Gruppencoachings an und hilft Mitarbeitern dabei Leerlaufphasen sinnvoll zu nutzen und ihre Work-Life-Balance so zu planen, dass es da eine tatsächliche Balance gibt. Wieder eine gute Idee.

Ich schwebe weiter in die Kaffeeküche. Neben der Kaffeemaschine steht ein Typ mit leichtem Hipster-Einschlag. Er zieht was aus seiner Jacken-Innentasche was ausschaut, wie ein silbernes Zigaretten-Etui. Er öffnet es und nimmt ein cremefarbenes Origami-Papier heraus. Während er auf seinen doppelten Espresso wartet faltet er mit schnellen und sauberen Bewegungen eine winzig kleine Espresso-Tasse aus dem Papier. Als der Kaffe fertig ist, stellt er das kleine Origami-Kunstwerk auf die Maschine und setzt sich mit seinem Espresso auf eine mitten im Raum hängende Schaukel. An der Wand steht in karolingischen Minuskeln: „Schnauze voll? Erst mal schaukeln!“

Hier würde ich auch arbeiten, denke ich und werfe einen Blick auf die gut gepflegte La Marzocco Siebträgermachine. Ein Post-It klebt an ihr:


"Morgen wieder!“

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Montag, 18. Mai 2020

Heute in einem Jahr - Folge 33: 18.05.2020/21

Die letzte Post-It-Reise hat mich schwer irritiert zurück gelassen. Ich habe ja wirklich eine Schwäche für verschrobene Science-Fiction, gerne mit sehr viel visionärer Pseudo-Wissenschaft. Aber das hier? Das ist schon hart zu ertragen. Und dann diese ständigen Andeutungen. Oktopoden. Nanobots. Delphine. What? What? What? Was denke ich ... oder mein Future-Ich ... oder wer immer der Typ auch ist, der mir da Zettelchen schreibt ... was denkt der sich dabei? Will er ... oder es? ... vielleicht ist das ja gar kein Mensch der da kommuniziert? ...  mich nur verwirren.

Gedanken darüber haben mich das ganze Wochenende durch begleitet. Am gestrigen Sonntag habe ich dann versucht der Irritation über die vage angedeuteten Zukunftsszenarien Irritation in Form von koreanischen Rache Filmen entgegen zu setzen. „Sympathy für Mr. Vengeance“ und „Oldboy“ ... das hat ganz zuverlässig Gegenirritation gebracht. Aber nicht genug. Beim Zubettgehen kamen die Andeutungen über die Zukunft wieder hoch. In meinen Träumen mischte sich eine Demo von Verschwörungs-Doofs mit der legendären Hammer-Szene von Oldboy, in welcher sich die Hauptfigur nur mit einem Hammer bewaffnet durch eine ganze Armee von Gegnern prügelt. So prügelte ich mich auf einer dieser Demos durch eine Armee von Blödsinn salbadernden Esoterik-Ottos, Impfgegner-Wirrköpfen und Querdenker-Bommel-Trägern. Allerdings nutzte ich keinen Hammer sondern eine rund 150 cm lange Fleischwurst auf der  „Mindesabstand“ stand.

Die Demo war auf der Theresienwiese und ich schlug mich zur Bavaria durch. Dort angekommen traf ich Attila Hildmann, der meinte, die Wurst sähe lecker aus und ob er wohl ein Stück davon haben könne. Logo! Wurst kann Brückenschlag und Element der Verständigung sein, das sagte ich ja schon immer. Als ich ein Stück abschneiden will fällt mir der Post-It am Wurstzipfel auf:

"Wurstzipfel war schon immer eines meiner Lieblingsworte!“


„Meins auch ... aber das ist ja irgendwie nicht sonderlich verwunderlich!“ sage ich.


"Stimmt! Aber auch nicht zwingend, wie gesagt ...“

„ ... es ist kompliziert!“ ergänze ich.

"Richtig! Ist es. Tut mir leid, dass das alles verstörend ist – deshalb hast du heute die Wahl: Magst du lieber einen Blick in eine versöhnliche Zukunft werfen oder magst du mehr Irrsinn und Irritation? Heute hast du die Wahl!“

Ich muss nicht lange überlegen. Mir ist nach Versöhnlichkeit! Ich glaube, ein Blick in eine positive Zukunftsversion tut mir in der aktuellen Situation besser, als noch mehr irritierende Absurditäten. Und sehr gerne würde ich noch mal eine Runde durchs Viertel smoothen!

"Wäre auch meine Wahl gewesen! Na dann viel Spaß bei der heutigen Runde – ich hoffe, du ziehst daraus etwas Beruhigung, Kraft und Motivation!
Dein Future-Ich“

Ich blicke auf das nun mit einem Fenster bemalte Post-It am Wurstzipfel, es öffnet sich und ich finde mich in einer schon bekannten Perspektive. Ich sehe mir dabei zu, wie ich mit dem schnittig flotten Elektro-Lastenrad geschmeidig durchs Westend smoothe. Ich halte vor einem Laden in der Ligsalzstraße. Er heißt „Die Weltverbesserei“ mit dem beschreibenden Zusatz „Laden für Nachhaltiges, DIY-Zeug, Ent-Idiotisierungsmaterial und Mescal - Guten Kaffee gibt’s auch!“

Klingt super. Ich folge mir beim Betreten des Ladens und schau mir zu wie ich mich setze und dem Nachbar hinter dem Tresen winke, wortlos-wissend nicken beide und wenig später steht ein Kaffe vor mir, den ich aus eigener Erfahrung direkt als großen Triple-Shot-Cappuccino identifizieren.
Neben diversen Kaffeespezialitäten kann man in dem Laden bunt gemischte Produkte aus nachhaltiger Produktion kaufen, die meisten gefertigt von Produktionskollektiven aus dem Viertel. Es gibt auch interessante Produkte aus dem Rest der Welt ... zum Beispiel sehr stylische Messer, die aus altem Panzerstahl geschmiedet wurden.

Auf dem Tisch fällt mir ein hübsch aufgemachtes Zine, also ein verlagsfrei und in Eigenproduktion erstelltes Magazin, auf. Es heißt "AntiIdiotikum". Ich schaue mir beim Lesen über die Schulter. Der Artikel, den ich mit mir mitlese heißt „Andi, es war alles nur für dich!“

Ich fasse den Inhalt kurz zusammen. Geschrieben wurde der Artikel in der Ich-Form. In der Geschichte ging es darum, dass die ganzen Verschwörungstheorien, die Mitte 2020 so geballt zusammen kamen ganz gezielt gestreut wurden als ganz bewusste Verschwörungstheorie-Verschwörung (VTV). Initiiert ... oder besser orchestriert wurde das alles von Philipp Amthor von der CDU. Grund für diesen Aufwand: Er wollte den Fokus der Aufmerksamkeit möglichst weit weg von Andreas Scheuer wenden, in den er sich unsterblich verliebt hatte. Also sorgte er für möglichst viel Informations-Chaos und möglichst viele abwegige Theorien, mit dem Ziel, dass das nicht weniger abwegige Verhalten vom Verkehrsminister nicht weiter auffällt.
Gewagte Thesen ... die mir aber grade gegen Ende des Artikels gar nicht mehr so abwegig vorkommen. Blöderweise klebte direkt über dem Namen des Autors am Ende des Artikels ein Post-It:

"Morgen wieder!“
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Freitag, 15. Mai 2020

Heute in einem Jahr - Folge 32: 15.05.2020

Ich war mit dem Bewusstsein ins Bett gegangen, dass ich wachsam sein muss um im Fall der Fälle selbst aktiv werden zu können, um Kontakt aufzunehmen. Stellte sich aber raus, dass das gar nicht nötig war. Ich war schnell eingeschlafen, fiel durch einen Strom nicht klar fassbarer Traumphantasmagorien, ging irgendwann durch einen großen Raum, der voller Koffer stand, ging dann durch ein Tür und stand in einem Geschäft, dass sich spezialisiert hatte auf runde Aquarien. Es war voll gestellt mit Varianten des klassisch runden Goldfisch-Glases. In der Mitte des Raums stand ein Goldfischglas von sicher 2 Meter Durchmesser, in welchem 2 bildschöne Koi-Karpfen ihr Runden zogen – ich ging zu dem Glas und sah den Post-It:

"Hallo!“


„Hallo!“ sage ich. „Bisserl einsilbig heute?“


"Ich bin noch immer beeindruckt über deine Kontaktaufnahme!“

„Und ich bin immer noch sehr irritiert, dass du offensichtlich den Kontakt zurück schraubst. Habe ich irgendwas falsch gemacht?“

"Nun ... es tut mir sehr leid. Du selbst hast nichts falsch gemacht. Aber leider viele andere in deiner Version der Welt. Ich muss dir sagen, dass es bei dir grade in eine falsche Richtung läuft – der Pangalaktische Rat hatte deshalb in einem Eilbeschluss zunächst verfügt, dass wir uns in unserer Informationspolitik lieber auf Parallelwelten konzentrieren, die grade besser unterwegs sind.“

„Scheiße! Das hab ich ehrlich gesagt schon befürchtet ... ich habe mich die ganzen letzten Tage schon gefragt, wie eine so coole Zukunft möglich sein soll, wenn sich auf den Straßen Verschwörungsspinner zusammen finden und die Politik keinen der Wege geht, die sinnvoll und logisch wären, sondern mit Anlauf zu dem vorherigen Stand der Dinge zurück will. Sehr schade!“ sage ich und merke, wie ich einen mächtig großen Kloß im Hals habe und sich im Augenwinkel Feuchtigkeit sammelt.

„Wir verkacken das, stimmt’s?“ frage ich

"Ehrlich gesagt: Es schaut so aus, ja! Aber ich sagte ja "zunächst" ... Ich habe nämlich trotzdem gute Nachrichten für dich!“
„Tatsächlich?! Wie das?“

"Nun! Zunächst war der Eilbeschluss des Rates auch für mich etwas überraschend. Letzte Woche hatte ich dir ja gesagt, dass ihr mehr Zeit bekommt – da war aber die rapide Entwicklung der Absurdität bei den Verschwörungsspinnern und die beknackten Ideen der Politik noch nicht so offensichtlich – deshalb gab es den Eilbeschluss. Ich habe nun beim Rat ein gutes Wort eingelegt, dass es den Informationsfluss weiter gibt. Ich meinte, dass es Hoffnung gibt aus der Tatsache heraus, dass aus deiner Welt das erste Mal die Kontaktaufnahme in die andere Richtung geklappt hat. Du warst nämlich nicht der einzige, der einen Weg gefunden hat. Da scheint in eurer Version der Welt was besonderes zu sein.“

„Was? Es gab noch mehr Kontaktaufnahmen in die andere Richtung! ... ist ja irre? Und jetzt? Ziehe ich daraus jetzt irgendeine Form von obskurem Arbeitsauftrag ... oder soll ich einfach mal abwarten, wie es jetzt weiter geht?“

"Ich würde sagen: Beides!“


Irgendwie scheint der gelbe Post-It seltsam zu grinsen.

"Deine Welt überrascht uns grade positiv und negativ. Ruhe dich das Wochenende aus und wir machen am Montag weiter – schauen wir mal, wohin das führt!“

„Ich in sehr verwirrt!“ sage ich. „Wie kann dich das alles überraschen, wenn du doch eine zukünftige Version von mir bist? Ihr müsst doch eigentlich wissen, was passiert ... sonst gäbe es euch doch gar nicht? Oder verstehe ich da etwas komplett falsch?“

"Oh ja. Da verstehst du einiges falsch. Einiges! Ist aber auch kompliziert, gebe ich zu. In einem Pangalaktischen Multiversum mit sub-astralen Verbindungs-Energie-Strömen kommt es immer wieder zu Raum-Zeit-Paradoxa, Logik ist immer relativ und die konsekutive Konsequenz in der Realität ohnehin illusionär!“

Ich habe das Gefühl, dass mir eine dünne Rauchsäule aus dem Ohr steigt. Ich sage irgendwas das ungefähr klingt wie „Gnrhgs?!“

Mein Blick fällt auf das große Aquarium.

Einer der beiden Kois schwebt direkt vor meinem Gesicht im Wasser. Er öffnet das Maul und in seinem Rachen klebt ein Post-It:

"Montag wieder!“

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Donnerstag, 14. Mai 2020

Heute in einem Jahr - Folge 31: 14.05.2020

Bis Montag. Stand da ja auf dem Zettel am Montag. War mir aber erst aufgefallen, als ich schon wach war. Bis Montag. Was sollte das denn? Ich versuchte dann am Montag direkt wieder einzuschlafen und nachzufragen, was aus dem „Morgen wieder!“ geworden war. Das ist mir aber nicht gelungen. Eine Woche warten. Da hatte ich eigentlich keine so große Lust drauf und ich hatte wirklich auf wieder einkehrende Regelmäßigkeit gehofft.

 Am Montag Abend nahm ich mir dann ganz fest vor, im Traum irgendwie Kontakt aufzunehmen – ist mir aber nicht gelungen. Ich träumte nur verschlungenen Käse, ganz wirres Zeug. Dienstag selber Vorsatz: „Du musst dir bewusst werden, dass du träumst und dann irgendendwie eine Nachricht da lassen“. Wieder nicht geklappt. Ich wachte nach 8 Stunden auf und hatte keine Ahnung von dem, was ich geträumt hatte.

Mittwoch Abend. Neuer Versuch. Tatsächlich schlief ich hundemüde in Rekordzeit ein und erinnere mich, dass ich nach einem entspannten Flug über Sendling geschmeidig vor der Shopping-Mall auf der Schwanthalerhöhe lande. Kurzer zweiter Realitätscheck, ob das wirklich ein Traum ist oder ob ich einfach irgendwie tatsächlich endlich doch gelernt habe zu Fliegen (was extrem cool wäre!). Ich schaue auf die Uhr – es ist 31:67 Uhr – sagt meine Apple-Watch (also ist es klar! Muss ein Traum sein ... ich trage nie eine Uhr ... und schon gar keine Apple-Watch!). Kurzes Gefühlschaos: Trauer darüber, dass ich also offensichtlich nicht fliegen kann. Freude darüber, dass ich in einem Traum bin und mich kontrolliert frei bewegen kann. Die Freude überwiegt mächtig: Das ist eine gute Ausgangssituation.

Ich hüpfe hoch vor Freude und hebe dabei gleich ab und steige mindestens 30 Meter in die Luft ... vorsichtig lande ich wieder und betrete die Mall. Ich wandere durch die Gänge aus glitzerndem Perlmut, vorbei an seltsamen Geschäften, bis ich vor dem Geschäft stehe, das ich brauche: DIE POST-IT-BOUTIQUE. Ich betrete den Laden und erwerbe nach kurzem Umschauen ein Profi-Post-It-Set in einem Etui aus weichem Pferdeleder. Es enthält: eine Auswahl Post-It-Blöcke in verschiedenen Schattierungen von mattgrau, verschiedene Tinten, einen Löffel, einen silbernen Füller, ein Feuerzeug.

„Okay, wenn ich gleich hier einen Zettel schreibe!“ frage ich die diplomierte PostItologin hinter dem Tresen.

„Hey – mi casa es su casa!“ sagt die Dame.

Ich stelle mich an das Schreibpult. Im Hintergrund läuft „Bullwinkle Pt. II“ von den Centurians. Ich öffne langsam das Etui, mische bedacht in dem Löffel eine Tinte aus Silber und dunklem Grau und koche die Mixtur mit dem Feuerzeug kurz auf. Diese Mischung ziehe ich dann mit dem Füller auf. Ich wähle einen taubengrauen mit zartem Blaustich und schreibe:

„Hey! Future-Ich! Warum denn erst Montag? Verlierst du langsam die Lust?“

Dann wende ich mich wieder an die Dame hinter dem Tresen.

„Haben sie zufällig einen MultiversumsTimeSwitch (MTS) oder einen ParallelUniverseWormholeTransmitter (PUWT)?“ frage ich.

„Ja sicher – einen MTS8 – da hinten an dem blinden Spiegel – kleben Sie den Post-It einfach dahin!“ sagt sie lächelnd.

Das mache ich auch. Ich klebe den Zettel und meine ein leicht sphärisches Flirren zu vernehmen. Dazu riecht es wie unter einer Stromleitung kurz vorm Gewitter.

Direkt erscheint ein gelber Post-It unter dem von mir geklebten:

„Donnerwetter! Ist noch nie passiert, dass einer von euch Kontakt aufgenommen hat!“

„Du machst es einem ja auch nicht leicht!“ schreibe ich.

„Ist ja eigentlich auch nicht Sinn der Übung!“

„Finde ich aber auch nicht ganz fair. Was ist denn nun? Warum erst Montag?“

„Ich habe es grade ein wenig eilig! Erkläre ich dir aber! Versprochen“
„Ja aber wann denn?“ frage ich ... und ahne es schon.



"Morgen wieder!

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