Dienstag, 16. Dezember 2014

Nachlese - Alternativer Advent 3 - HIGH TEA

Am dritten Advent gab es planmäßig den dritten alternativen KaminEvent vor Kemmlers Wohnzimmerfeuerstelle. Nach Breakfast und Lunch heißt es zur dritten Runde nun: It's Teatime!

That is so very british - und deshalb orientieren wir uns an der Köstlichkeitsfront auch an klassischen Errungenschaften der britischen Küche. Ja, die gibt es.


Das Literarische Werk, das Pate stand für die Veranstaltung: Der lange dunkle Fünfuhrtee der Seele von Douglas Adams aus dem Jahre 1988. (Kann man übrigens HIER kostenlos als Hörbuch hören).

Dirk Gently, die Hauptperson in den beiden unbekannteren Detektiv Romanen von Douglas Adams, ist holistischer Detektiv, der von der Verknüpfung von Allem mit Allem überzeugt ist. Das, zusammen mit der Unwahrscheinlichkeit als zentrale Antriebskraft in der Adams-Welt, ist steuernde Kraft in den Romanen und in den kulinarischen Kompositionen und der praktizierten Raconteurskunst an diesem späten Nachmittag.

Beginnen wir mit dem obligaten Gruß zum Start.

Löffelstart
Vorweg gibt es einen in bester Legomanier zusammengebastelten Appetithappen aus der Welt des KochKubismus. Auf dem Löffel befinden sich ein doppeltes KarottenPü (aus roter Urkarotte und sehr gelber gelber Rübe), darauf ein MiniSandwich mit Frischkäse und Schnittlauch, darauf ein Scheibchen einer Pygmäengurke und ein rotes Pfefferkorn. Unwahrscheinlich, dass meine leicht wurstigen Fummelstummel von Fingern, das so akkurat auf den Löffel filigranierten - das erstaunt mich nachhaltig ...

So aufgewärmt steht dem ersten Gang nichts im Wege.

Gang 1 - Holistic Salmon

Der Lachs, besonders englisch, wenn es sich um wilden schottischen Angellachs handelt. Und besonders holistisch in der Bandbreite seiner hier dargereichten Zubereitungsformen. Der Lachs kommt in Form von: einem Whiskey gewürzten Tatar, einer MaronenLachsSuppe mit frischer Lachseinlage, einem in Tee hausgeräucherten Lachs und einem kleinen LachsNigiri. Mehr Lachs auf einem Teller krümmt nach aktuellen Erkenntnissen den Raum und könnte zu einer sofortigen Auflösung der Welt wie wir sie kennen führen. Also Vorsicht!

vielfacher Lachs in unterschiedlichen Entitäten
Als Getränk dazu servieren wir einen Isle of Man Iced Tea, der im Gegensatz zu seinem amerikanischen Kumpel, dem Long Island Iced Tea, tatsächlich aus Tee besteht. Aus grünem nämlich. Zusammen mit Büffelgraswodka, Limettensaft, Zuckersirup, Minze und natürlich Tonic ergibt das einen wunderbaren Lachsbegleiter - und einen leicht hinterhältigen Dichtmacher, der unmerklich den Spaßfaktorhebel zart gegen Ulk schiebt.

Isle of Man Iced Tea
Dazu wird der Roman in grober Zusammenfassung und originalen Auszügen verlesen, dabei geht es um die Hässlichkeit von Flughäfen, einen Familienstreit unter Göttern und eine Enthauptung, die von der Polizei für einen besonders hinterhältigen Suizid gehalten wird, verübt nur, um den Ermittlungsbeamten das Leben schwer zu machen.

Ein schweres Leben, das hat Arthur Dent auch. Die Hauptperson aus Per Anhalter durch die Galaxis hat es ja per se nicht leicht, hat man ihm doch sein Haus mitsamt dem Planten, auf dem selbiges Stand, der Erde, quasi unterm Hintern weggesprengt. Im fünften Band der vierteiligen Trilogie (Einmal Rupert und zurück), strandet Arthur auf dem Planeten Rupert und vertreibt sich dort seinen extrem langweiligen Alltag mit der Perfektionierung seiner SandwichSkills.

Ein Protagonis entreffen: Im zweiten Gang stellen wir uns vor, dass Arthur Dent den chronisch abgebrannten Dirk Gently besucht und als Gastgeschenk Sandwiches mit hat - das ist sicherer, als darauf zu vertrauen, dass Dirk etwas anbieten würde, denn einer der Nebenstränge der Geschichte im langen dunklen Fünfuhrtee der Seele dreht sich darum, dass Dirk aus Angst vor dem Inhalt seinen Kühlschrank schon über 3 Monate nicht mehr geöffnet hat.

Gang 2 - Dent bei Dirk

Was ist britischer als Sandwiches? Und die klassischen Sandwiches auf jeder Etagere beim High Tea ist sträflich unkomplett ohne ein EggSandwich und ein CucumberSandwich. Die gibt es hier auch - allerdings leicht dekonstruktivistisch.

Sandwiches: Ei mit WachtelEi und komplett ziselierter Cucumbrismus bei der Gurke: Gurke, mit Ziegenkäsecreme gefüllt, GurkenSalat mit Sesam und Tee, GurkenJoghurtSchaum - und Röstbrot.
Auch das Getränk bleibt britisch. Ein Pimm's No1. Klassisch serviert mit Gurke - aber statt dem eigentlich darin vermixten Ginger Ale bringen wir einen alpenländischen Akzent mit hinein und vermixen Almdudler. Und nennen den Drink fröhlichen "Den Doodler".

So mixt er sich:

1 Glas mit Eiswürfeln (Longdrinkglas)
4 cl Pimm's No. 1
2 Scheiberl Salatgurke
mit Almdudler aufgießen (ebenfalls etwa 4 cl)

Cheers!

Im interimistischen Rezitativ intoniert Herr Kemmler chinesisches Gedichtwerk über Tee.

Die Spätnachmittagssonne bescheint den Bambus,
die Quellen glucksen vor Entzücken,
der Wind in den Kiefern tönt in unserem Teekessel wider.
Lasst uns vom Vergänglichen träumen
und bei der wundersamen Torheit der Dinge verweilen.
Kakuzo Okakura, japanischer Philosoph, 1862-191

Der Teemeister Rikyu wurde von einem Schüler gefragt, was der Sinn des Teeweges sei.
Rikyu antwortete in der für den Zen typischen Reduktion auf das Wesentliche:
„Wasser holen, Feuer anzünden, Wasser erhitzen,
Tee schlagen und trinken, das ist alles!“
Als der Schüler darauf entgegnete: „Das kann ich schon alles.“
antwortete Rikyu: „Dann möchte ich dein Schüler werden.“
Sen Soki (Soeki) Rikyû (1522-1591)

Die erste Tasse netzt mir die Lippen.
Die zweite verscheucht meine Einsamkeit.
Die dritte durchdringt mein unfruchtbares Inneres,
um darin nichts als einige fünftausend Bände wunderlicher Ideogramme zu finden.
Die vierte erregt einen leichten Schweiß;
alles Schlechte des Lebens scheidet durch meine Poren dahin.
Bei der fünften bin ich geläutert.
Die sechste ruft mich ins Reiche des Unvergänglichen.
Die siebente – Oh, ich kann nicht weitertrinken,
ich fühle nur den kalten Windhauch, der sich in meinen Ärmeln fängt.
Laßt mich in diesem lieblichen Windhauch segeln und mitschweben.
Dichter Lo Tung (T’ang Dynastie)

In der Welt gibt es drei höchst bedauernswerte Dinge:
Das Verderben bester Jugend durch falsche Erziehung,
die Entwürdigung guter Gemälde durch pöbelhaftes (unverständiges) Begaffen
und die Verschwendung (restlose Vergeudung) guten Tees durch unsachgemäße Behandlung.

Tschu Lai (Li Chi Lai) (Sung Dynastie, 12. Jh.)

Danach und nach einer Reihe Stehgreifsteegespräche und teezeremonieller Hintergrundinformation starten wir in die dritte Runde des Abends.

Gang 3 - Battle of the Pies

Pies sind das wohlige Rückgrat der englischen Küche. Wir reflektieren hier den Konflikt zwischen Odin und Thor, lassen aber an Ihrer satt 2 Pies in den Kampf ziehen, die sich aber dann auf dem Teller schlichtweg weigern aufeinander loszugehen und sich im Angesicht des Erbsenpüs schnell friedlich die Hand reichen und lecker koexistieren. Auf dem Teller finden sich ein Shepards Pie in der Hunters Edition. Der Shepard ist ja normalerweise vom Schaf - in der Hunters Edition aber vom Hirsch. Das ... nennen wir es Gulasch ... wird mit Kartoffelpü überzogen und dann überbacken. Der Kontrahent ist ein Kidneypie - Nieren! Ein Nierentryptichon von Lamm, Kalb und Rind. Lange geschmort mit jeder Menge Sherry und dann mit Blätterteig gebacken (ganz nahe dran an diesem Rezept!). Und ja - harmonische Wohligkeit breitet sich aus. Und das liegt nicht nur an dem dunklen englischen Ale, das zu diesem Traditionsgang in die Gläser kam.

peaceful pies & pea purée
Bevor es zur Beschreibung des Desserts kommt, muss ich erzählen, wie dieses Dessert zustande kam. Es hat nämlich eine Vorgeschichte - und es ist WIRKLICH GENAU SO passiert.

Es begann damit, dass ich dachte, dass das bei Douglas Adams eigentlich immer und überall auftauchende Prinzip, das ordnet und antreibt, das lenkt und steuert, die Unwahrscheinlichkeit ist.

Und dieses ordnende Prinzip gab mir den motivatorischen Stoß für diesen Alternativen Advent ebenfalls mal einen Text beizusteuern und darauf zu vertrauen, dass das Unwahrscheinliche passiert  und mir ein pointendichter Toptext in den Tippapparat flutscht.

Und es fing gut an. Sehr gut sogar. Die Unwahrscheinlichkeit überraschte mich immens. Es begann damit, dass mit dem Aufklappen des Computers sofort ein neuer Titel für meinen seit nunmehr 17 Jahren im Arbeitszustand befindlichen autobiographischen Roman auftauchte. 

Ja. Gut. Das ist schon häufiger passiert und ehrlich gesagt ist das auch die deutlichste Evolution, die dieser Roman in den letzten Jahren nahm. Wechselnde Titel.  Vorangegangene Titel waren zum Beispiel:

Solitario – Die Einsamkeit macht uns Gemeinsam.
- oder - 
Die größte Hose, die ich je hatte.
- oder -
I take two of everything.
- und zuletzt -
Hummeln können gar nicht fliegen.

Und das ist nur eine sehr kleine Auswahl. Jeder gefiel mir. Zumindest eine zeitlang.

Aber noch selten hatte ich den Eindruck, dass ein Titel so sehr aus der Aktualität meines Lebens erwuchs wie dieser jetzt. So nahe bei mir und so klar und deutlich meine Welt im Hier und im Jetzt reflektierend.

Ich schrieb also, endorphinal aufgeladen den neuen Titel und tippte elektrisiert:

Zwischen Nachdurst und Völlegefühl.

Jawoll.

Gut, dass ist jetzt nicht Krieg und Frieden oder Schuld und Sühne ...

Zwischen Nachdurst und Völlegefühl.

Ich finde das hat Kraft. Es ist deskriptiv und hat Hintersinn. Es hat einen eindrucksvollen Farbeffekt, der aus der Vergangenheit  ins Jetzt strahlt.

Und damit hatte es sich dann aber auch schon wieder. Das elektrisierte Gefühl war mit dem Tippen des "." ausgeknipst. Der Schreibfluss kam zu einem abrupten Ende.

Die Unwahrscheinlichkeit hob kurz den Mittelfinger und wurde zum Erwarteten. Denn mehr wollte mir beim allerbesten Willen nicht einfallen. Essig. Nichts weiter passierte. Versonnen sah ich einem kleinen Busch zu, der von einem letzten Gedankenwind hinter meiner Stirn entlang getrieben wurde.

Gut. Es war ein Versuch. Ich beschloss es sein zu lassen und statt dessen aktiv gegen diesen Nachdurst zu arbeiten und mir ein Helles aufzuziehen.

Und da sah ich sie. 
Im Schrank.
Ich sah sie ganz deutlich. 

Die leicht angesprungene Kanne aus der Sammeltassensammelung meiner Urtante. Sie hatte sich verändert. Es war etwas ganz und gar douglasadamsieskes geschehen. Eine Materietransformation in einem Ausmaß, dass man damit ein kleines Raumschiff hätte antreiben können. Ach hätte ich in diesem Moment doch nur ein kleines Rausmschiff gehabt. Aber ich schweife ab.

Die Kanne also, die Kanne: Ihre Molekularstruktur hatte sich in einem extrem unwahrscheinlichen Akt der wasweißich ... räumlich begrenzten Quantenverschiebung? ... verändert. In Kuchen! Man fasst es nicht. Diese Unwahrscheinlichkeit ist ein Hund. Schlägt dort zu, wo man’s jetzt aber mal so gar nicht erwartet. Täuscht links an und spielt rechts vorbei. Raffiniert. Das würde mir jetzt sicher keiner glauben - aber ich habe es fotografiert. Und das was man auf Fotos sieht, das ist wahr, das weiß ja jeder!

Beweisfoto der Materietransformation - mit einem leichten Anflug einer strukturellen Integritätskrise.
Damit hatte ich jetzt zwar keinen Text für die Veranstaltung aber immerhin einen Nachtisch. Auch was wert.

Gang 4 - Nachtisch - Die Langweile des unsterblichen Wawbagger

Diese Akt der Materietransformation hätte sicher das Potential gehabt, selbst den von allem schon immer zutiefst gelangweilten Randcharakter aus Das Leben, das Universum und der ganze Rest für einen kurzen Moment aus seiner aus seiner tiefen Fadesse zu ziehen ob der Unwahrscheinlichkeit des Ereignisses.

Der erschienene Teekannenkuchen entpuppte sich als GrünTeeBiskuit mit Erdbeersahne und SchokoGarnache.
Damit er nicht so einsam auf dem Teller liegen muss, bekommt er Gesellschaft von hausgemachtem ErdbeerEis, einem Brownie mit Marzipan und PannaCotta und einem WaldfruchtGlühweinGelee.
Dazu wurde dann stilecht Earl Grey eingetasst.

Und unter der Leerung aller Reste, weiteren Kannen Tee und ein paar Flaschen Wein ging der lange dunkle Fünfuhrtee der Seele dann Richtung Mitternacht zu einem würdigen Ende.

Aber die Serie des Alternativen Advents ist noch nicht vorbei - Das abschließende Dinner steht am kommenden Sonntag ins Haus  - zum 4. Advent vor Kemmlers Kamin.


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