Donnerstag, 21. Januar 2016

Retroschmecktive: Chianti & Cannibalism (feat. Lisa Eckhart)

Geehrte Freunde der textlich untermalten Tafelfreuden,

am just vergangenen Montag hatten wir im MEATINGRAUM das erste Mal einen Abend mit kunstpraktizierendem Vortragsgast. Also gleich die zweite Geburt einer neuen Veranstaltungsserie in nur 2 Wochen nach der Premiere des Kochlabors letzte Woche.

Mit übergroßer Freude durften wir zu unserer diesgearteten Auftaktveranstaltung Lisa Eckhart, die amtierende österreichische Meisterin im Poetry Slam begrüßen. Die Idee dieser Veranstaltungsreihe ist, dass der auftretende Gast das Motto des Abends wählt, wir dieses Motto in ein Menü überführen und die vorgetragenen Texte dann mit den Gerichten zu einer besonders cremigen Melange verschmelzen.

Lisa wählte absolut zu recht das Motto "Chianti & Cannibalism". Lecker! Wer Lisa absolut zu unrecht noch nicht kennt, der sollte sich nach der Lektüre dieser Retroschmecktive sofort in die existierenden Vortragsdokumente auf Youtube versenken und gefälligst das auffindbare, großartig morbide und zudem herausragend komische Œuvre auswendig lernen. Wir helfen dabei mit diversen im Text schlau eingebauten hypertextuellen Tunneln.

Der rechte Einstiegsdrink komponierte sich wie von selbst und brachte in Form des Fritz Haarmann Royal den Startspaß in der Gäste Köpfe.

Der Fritz Haarmann Royale besteht aus 1 cl Creme des Cassis, einem Minzblatt und dem roten Fritz Müller, einer rheinhessischen SektCuvée aus Portugieser und Spätburgunder und besticht durch seine optische blutig- und geschmackliche Süffigkeit. Ein vampiresker Start.

Sven eröffnet den Abend mit einer kleinen Kulturgeschichte des Kannibalismus

Wir beginnen mit dem ersten Gang "Aus Fleisch und Blut"

Aus Fleisch und Blut
Auf dem Teller finden wir einen RindsTatar (handgeschabt aus einem 6 Wochen gereiften Rinderfilet), auf welchem ein bei 63° über 8 Stunden gegartes OnsenEi ruht. Als Nachbar dazu gibts noch einen Klacks getrüffelten ErdapfelKas mit einer krossen BlunznScheibe. Was da so blutig auf dem Teller rumsoßt ist eine OchsenJohannisbeerReduktion. Dazu kommt der Chiantiklassiker Nippozano von Frescobaldi ins Glas.

So eingestimmt ist es Zeit für den ersten Text. Texte nacherzählen macht aber ja irgendwie keinen Sinn und leider haben wir selbst das Mitfilmen verpeilt - ABER, der Text, den Lisa diesem Gericht folgen ließ, den gibt es HIER zum angucken und -hören, und er passte zu dem Motto wie der Porsche Cayenne zur nerzpelztragenden Zahnarztgattin vorm Biosupermarkt.

Nicht nur nicht gefilmt, sondern auch noch unscharf fotografiert - dafür dampft es im Hintergrund aufregend.

Wir fahren fort mit dem Hauptgang "Hannibals Lamm"


Schweigende Lämmer 
Die LammRacks rohen (das sollte eigentlich "ruhen" heißen ... aber manchmal sind Typos ja auch Segen) auf einer besonders roten RotkrautCaponata, umspielt von einer anders roten ChiantiJus und mit ganz zart roten RoteBeeteKnödel. Ein rot-monochromes Gericht. Dazu ins Glas kam eine Weinrarität, ein Castello di Gabbiano von 1979, ausgeschenkt aus der Jeroboam (5 Liter Flasche).

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Dieser Wein hatte mit einem Chianti wie man ihn so kennt nicht mehr viel gemein. Über die Zeit hat sich die Farbe ins stark bräunliche geändert und er wurde trüb - und der Geschmack hat sich gewandelt - er erinnert nun beim ersten Kontakt mit Zunge und Gaumen mehr an einen Sherry oder Madeira, aber danach tauchen im Hintergrund doch auch noch die kirschigen Aromen des Sangiovese auf. In jedem Fall eine interessante Weinerfahrung, die wirklich gut zum Lamm und vor allem zur Caponata passte. Diese Transformation des Weins über die Jahre, diese durchgemachte Verwandlung ist eine Hammerüberleitung zum nächsten Text der folgte - da ging es nämlich um einen Briefwechsel zwischen Franz Kafka und seinem Verleger Max Brod, in welchem sie sich über die erste Version der Verwandlung stritten. ... Moos ...

Ich keuche noch immer vor lachen und habe zur Ehrung dieses Textes, der mit Anlauf einer der komischsten und absurdesten war, den ich in den letzten Jahren gehört habe, folgende Collage geklöppelt.

in tiefer Verehrung
es dampft auf allen Ebenen im MEATINGRAUM
So wurde es denn Zeit für Nachtisch "Komm süßer Tot"


Kleine Nachtischgräber
Ein PannaCottaSchädel (mit Kokos und weißer Schokolade) liegt auf einem SchokoCrumbleGrab unter welchem sich eine weitere PannaCotta befindet, diese nun mit Macadamia und dunkler Schokolade. Unter dem Schädel blutet noch eine Erdbeersoße.

Das Mahl ist beschlossen und Lisa las einen letzten Text und kümmert sich darin final um Max und Moritz. Wir empfehlen zum Schluss dringend noch den Text zur Rettung der Welt mit einem ausgeklügelten 4-Punkte-Plan und das sofortige YoutubeChannelAbonnement.

Herzlichen Dank, liebe Gäste, dass ihr an diesem experimentellen Auftakt der neuen Serie partizipiert und so nachhaltig gute Laune in den Raum gestrahlt habt. Danke, Lisa, dass du bei dieser Geschichte, trotz akuter Verschnupfung, so ausdauernd Großartiges racontiert hast - ich hoffe, der HonigZitronenIngwerRum hat gewirkt.

Die Serie geht weiter - am 18. Mai kommt HANZ als Gast - Menü und Motto folgen - wer da aber schon jetzt und sofort enthusiasmiert reservieren will, der kann das unter eat@meatingraum.de.



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